Hans Ulrich Obrist

Somewhere Totally Else — Mit Douglas Coupland und Marshall McLuhan haben sich zwei rastlose Weltversteher gefunden.

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Trendexperte: Douglas Coupland

Vergangene Woche sassen Shumon Basar und ich mit Douglas Coupland auf dem Global Art Forum in Dubai. Ich fragte, was der neue Trend sei. Coup­land ist sozusagen Trendexperte. In seinem Buch «Generation X» beschrieb er Anfang der Neunzigerjahre eine Generation der Verlierer, in «Generation A» zwanzig Jahre später das ökologische Horrorszenario einer nicht allzu fernen Zukunft. Coupland sagte, ihm sei aufgefallen, dass nichts mehr in oder out ist — dass diese Idee, die uns jahrzehntelang dominiert hat, plötzlich einfach verschwunden ist.
Das ist insofern interessant, als er kürzlich eine Biografie über Marshall McLuhan schrieb, den grossen Medientheoretiker, der weitgehend in Vergessenheit geraten, also out schien. McLuhan war in den Sechzigern und Siebzigern ein Star. Alle hat es damals fasziniert, wie er zu messen versuchte, wie der Mensch auf die Medien reagiert. Diese Entwicklung hat er in seinem Buch «Die Gutenberg-Galaxis» aufgezeigt — von der mündlichen Stammesgesellschaft über den schriftkundigen Menschen zurück zu einer neuen, elektronischen Stammesgesellschaft.
Das Umfeld, in dem McLuhan gearbeitet hat, war ein bisschen wie Warhols «Factory» in New York. Umgeben von anderen Wissenschaftlern, leitete er sein eigenes Institut. Seine Schlagworte wurden Pop: «Das Medium ist die Botschaft» — die These, dass der Informationsträger die grössere Auswirkung auf die Umwelt hat als der Inhalt. Oder «Das globale Dorf», eine Prognose der digitalen Internetwelt, lange bevor es sie gab.
Coupland schreibt seine Biografie so, wie McLuhan denkt: fragmentarisch, scheinbar ungeordnet, aber dennoch kohärent. Er zitiert eine Fahrtbeschreibung zu McLuhans ehemaligem Haus in Toronto und erklärt dann dessen anatomische Merkwürdigkeit, statt einer gleich zwei Arterien zu haben, die sein Hirn mit Blut versorgen. Es ist wie Zapping. Beide, Coupland wie McLuhan, sind getrieben davon, die atemlose Welt, in der sie leben, ebenso atemlos zu verstehen und zu beschreiben. Wie McLuhan sagte: «Wenn du beginnst, die Zeit, in der du lebst zu kritisieren, ist deine Zeit vorbei.»

Adam Douglas Coupland: «Marshall McLuhan».
Eine Biographie, Tropen-Verlag, 2011

Reden und Interviews von und mit Marshall McLuhan auf www.youtube.com
http://artdubai.ae/globalartforum

hans ulrich obrist ist Kurator und Co-Direktor der Serpentine Gallery in London.

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Von Urs Moser

Während sich die Lehrer mittlerweile vorbeugend gegen Ranglisten von Schulen wehren, ist die Bildungspolitik schon seit längerer Zeit diesem Qualitätsbarometer ausgesetzt. Im Dreijahresrhythmus werden dank Pisa-Studie Länder und Kantone nach Schülerleistungen sortiert. Das mediale Interesse daran ist zwar nicht mehr ganz so gross wie noch vor zehn Jahren, doch die Bildungsdirektoren werden trotzdem in die Pflicht genommen, als wären sie CEOs, die die Geschäftszahlen ihrer Firma präsentieren. Die Politik hat die Ränge sozusagen persönlich zu verantworten.

Pisa führt allerdings nicht nur zu Ranglisten, sondern auch heute noch zu aufschlussreichen Erkenntnissen. Beispielsweise, dass längst nicht alle Schüler die folgende Mathematikaufgabe lösen können: «Eine Treppe hat vierzehn Stufen und eine Gesamthöhe von 252 cm. Wie hoch ist jede der Stufen?» Jeder … sechste, siebte? Jugendliche schafft diese Aufgabe nicht — trotz neun Schuljahren, die insgesamt gegen 100 000 Franken gekostet haben; und trotz unzähligen Reformen, die ja sinnigerweise zur Verbesserung der Schule beschlossen wurden.

Was ist nicht alles versucht worden in den letzten Jahren: einheitliche Schulstrukturen, nationale Bildungsziele, Tagesstrukturen, Integration von Kindern mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen, Qualitätssicherung, jahrgangsübergreifende Klassen, kompetenzorientierter Unterricht, zwei Fremdsprachen in der Primarschule, Lehrerbildung auf Hochschulstufe…, das sind nur einige Reformvorhaben, die als Grossbaustellen bezeichnet werden. Lesenächte, iPhone im Mathematikunterricht, Schuluniformen, Geld für Noten oder Abschaffung der Noten gehören derweil zu jenen Nebenschauplätzen, die medial kurz aufflackern und schnell wieder in Vergessenheit geraten. All diesen pädagogischen Anliegen gemeinsam ist das Versprechen, dass es besser wird als bis anhin, irgendwann und irgendwie, und dies zum Wohl der Schülerinnen und Schüler.

Doch was wirkt wirklich von alledem? Und was ist nur Aktionismus, auch wenn er im besseren Fall gut gemeint ist? Im Folgenden eine Orientierungshilfe in 7 Punkten.

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Es gehört zum Schicksal der Bildungspolitiker, dass sie die Verantwortung für Massnahmen ihrer Vorgänger übernehmen müssen und zugleich die Früchte ihrer Anstrengungen kaum im Amt erleben. Eine politische Legislatur reicht vielleicht aus, um Effekte eines spezifischen Förderprogramms zu überprüfen. Doch sie ist in der Regel zu kurz, um die Wirkung von Reformen nachzuweisen.

Die Koinzidenz von schlechten Rängen in Schulleistungsvergleichen und Reformkritik setzt die Bildungspolitik zusätzlich unter Erfolgszwang. Die Politik wird genötigt, Argumentationskraft und Fantasie unter Beweis zu stellen und schnelle Lösungen für scheinbar anhaltende Missstände anzubieten. Nichts tun, erfüllt die Erwartungen der Medien offensichtlich nicht, weshalb lieber gleich ein ganzer Katalog an Massnahmen vorgelegt wird. Dieser Druck auf die Politik erhöht das Risiko, einem Aktivismus zu verfallen, dessen Folgen nicht vorhersehbar sind.

Auch die Wissenschaftler gelangen dann und wann in Erklärungsnotstand. Genervt vom Verstecken hinter ewig banalen Erklärungen und statistischen Signifikanzen, hat sich manch einer schon zu einer waghalsigen Interpretation hinreissen lassen. Damit tragen sie zwar zur Belebung der Diskussion bei, doch zugleich verlassen sie den Boden des gesicherten Wissens, was die Gefahr erhöht, dass die Seriosität wissenschaftlich fundierter und politisch bedeutsamer Erkenntnisse angezweifelt wird. Das ist tragisch im Falle der methodisch einwandfreien Angaben von Pisa zum Anteil Jugendlicher, die aufgrund ihres Wissens und Könnens nach der obligatorischen Schule für die berufliche Grundbildung oder weiterführende Schulen schlecht vorbereitet sind. (Es sind in der Schweiz nicht weniger als 15 Prozent.)

Den unzähligen Studien zur Wirksamkeit der Schule, die normalerweise nicht in Hochglanz auf die Redaktionen der ganzen Welt verteilt werden, fehlt es gewöhnlich an Sexiness und leserfreundlicher (oder kompetitiver?) Aufmachung, weshalb sie in der medialen Debatte über die Schule nicht den gleichen Stellenwert wie Ranglisten einnehmen. Schade, denn mittlerweile gibt es eine Fülle von Erkenntnissen darüber, was in der Schule wirkt und wodurch sich der Lernerfolg der Schüler verbessern lässt.

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Ein höchst aufschlussreiches Werk zur Wirkung der Schule stammt vom neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie, der mehr als 50 000 Studien zu den Bedingungen erfolgreichen Lernens systematisiert hat. Hattie quantifizierte verschiedene Einflussgrössen auf den Lernerfolg und ordnete sie sechs thematischen Gruppen zu: Schüler, Familie, Schule, Lehrpläne, Lehrer und Unterricht. Resultat: Den stärksten Effekt auf das schulische Lernen haben die Lehrer, den geringsten die Schule. Das bedeutet vorerst nur so viel, als dass es für den Lernerfolg weniger wichtig ist, welche Schule ein Schüler besucht. Wichtiger ist, von welchem Lehrer oder welcher Lehrerin er unterrichtet wird. Eine banale Erkenntnis, die allerdings für die Diskussion über die freie Schulwahl bereichernd und für den Erfolg von Schulreformen bedeutsam ist.

Wenn Reformen den Lernerfolg der Schüler optimieren sollen, dann müssen sie die Lehrer erreichen. Reformen sind dann erfolgreich, wenn der damit verbundene Mehraufwand von einem erkennbaren Nutzen begleitet wird. Sie müssen sich für Lehrer lohnen, dann führen sie auch zu einer Veränderung der Unterrichtspraxis und wirken sich auf den Lernerfolg der Schüler aus. Unterricht ist nach Hattie dann erfolgreich, wenn Lehrer die Perspektive der Schüler einnehmen und sich der Schüler als eigener Lehrer betrachtet. Der gute Lehrer kann sich in die Rolle des Schülers hineinversetzen und das Lernen mit den Augen des Schülers sehen. Zugleich sieht der Schüler das Lernen mit den Augen des Lehrers, übernimmt für das Lernen Verantwortung und begleitet es mental. Dies gelingt dann besonders gut, wenn der Lehrer die Wirkung des eigenen Handelns überprüft und dem Schüler fortlaufend Rückmeldungen über seine Lernfortschritte gibt.

Gute Lehrer verfügen ohne Zweifel über ein breites, allgemeines pädagogisches Wissen, eine hohe Motivation und emotionale Stabilität. Dies alleine genügt aber nicht, wie die Forschergruppe um Jürgen Baumert am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zeigt. Gute Lehrer benötigen hervorragendes Fachwissen, das sie im Unterricht didaktisch geschickt umzusetzen wissen. Häufig werden Fachwissen und die Kunst, dieses Wissen zu vermitteln, in der Diskussion über die wirksame Schule verachtet oder einfach übersehen.

Dieser Eindruck entsteht jeweils, wenn Nostalgiker einem verklärten Bild der seminaristischen Lehrerbildung nachtrauern; als hätten in den guten alten Zeiten ausschliesslich erfahrene Praktiker in die Kunst des Unterrichtens eingeführt. Fachwissen und fachdidaktische Kompetenzen sind — gleich wie die gute Lehrer-Schüler-Beziehung — keine hinreichenden, aber notwendige Bedingungen für Unterricht, der zu Lernfortschritten der Schüler führt. Nur weil das theoretische Wissen nicht unmittelbar handlungswirksam wird und nicht ganz so detailliert wie beispielsweise für die Arbeit eines Chirurgen vorliegt, kann darauf nicht einfach verzichtet werden. Dass das berufliche Know-how nicht das Ergebnis einer Ausbildung ist, sondern erst mit zunehmender Erfahrung und «training on the job» aufgebaut wird, trifft für Lehrer wie für Chirurgen zu.

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Nahezu gleich wichtig wie der Lehrer sind nach John Hattie zielorientierte Programme, insbesondere, wenn sie nach Kompetenzstufen ausgerichtet und mit stetem Feedback zum Lernerfolg verbunden werden. Lernerfolg muss sichtbar werden, für Schüler und Lehrer, aber auch für Eltern, Politik und Öffentlichkeit. Daher ist der Zweck des Harmos-Konkordats, die Qualität des Schulsystems durch gemeinsame Steuerungsinstrumente zu sichern, zumindest auf dem Papier eine Absichtserklärung, die den Schülern zugutekommen soll und im Einklang mit den Erkenntnissen der Bildungsforschung steht. Zu den Steuerungsinstrumenten von Harmos gehören nationale Bildungsziele, Lehrpläne, Lehrmittel und Schulleistungstests. Allen gemeinsam ist, dass sie kompetenzorientiert, also auf das Wissen und Können der Schüler ausgerichtet sein werden. Die Methodenfreiheit der Lehrer bleibt unangetastet, nicht aber die Beliebigkeit der zielorientierten Programme.

Dass die Schüler nur dann von einer Reform dieser Programme profitieren, wenn Lehrer die Instrumente sinngemäss nutzen, ist in der Politik kaum ein Thema. Nicht der Lernerfolg der Schüler, sondern die Regelung des Sexualkundeunterrichts im neuen Lehrplan 21 bewegt die Gemüter. Die politische Diskussion über Traditionen und Wertvorstellungen fernab von der Unterrichtspraxis lenkt von den eigentlichen Zielen der Reform ab. Lehrpläne bilden die Grundlage für die Zuteilung von Ressourcen zu Schulfächern. Darüber lässt sich aus verständlichen Gründen gerne streiten. Ihre Wirkung auf den Unterricht ist hingegen begrenzt, weil sich die Lehrer an bewährten Unterrichtsmaterialien und Lehrmitteln orientieren. Genau darin liegt aber die Herausforderung der curricularen Reform: In unserem kleinen, föderalen Land muss nicht in erster Linie der Zugang zur Sexualität neu geregelt werden, sondern ein vergleichbares Bildungsangebot und minimale Grundkompetenzen für alle Schulabgänger sowie die leistungsbezogene Vergabe von Zertifikaten. Oder gibt es einen politischen Grund, dass in den Kantonen der Schweiz unterschiedliche Massstäbe für gleiche Bildungsabschlüsse gelten?

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Der Weg zu einer zuverlässigen Beurteilung und einer stärkeren Ausrichtung des Unterrichts auf die Bedürfnisse der Schüler wird häufig in der Anpassung der Schulstruktur vermutet. Die Wahl des besten Schulmodells lässt sich allerdings weder mit dem Lernerfolg der Schüler noch mit der Beurteilungsproblematik rechtfertigen. Glaubt man den Studien von Hattie, dann führen die mit grosser Hoffnung verbundenen jahrgangsübergreifenden Lerngruppen vor allem zu einer Mehrbelastung der Lehrer, während die Steigerung des Lernerfolgs oder der sozialen Kompetenzen Wunschdenken bleiben. Die Wissenschaft bietet auch kaum Argumente für Strukturreformen auf der Sekundarstufe I, beispielsweise für die Einführung von Gesamtschulen nach finnischem Vorbild.

Die eher untergeordnete Bedeutung der Schulstruktur hat einen grossen Vorteil. Schulmodelle können bedenkenlos den lokalen Bedürfnissen angepasst werden. Allerdings sind Schulstrukturen nur dann bedeutungslos, wenn ihre Wirkung auf den Durchschnitt überprüft wird. Für den Lernerfolg des Einzelnen ist es sehr wohl bedeutsam, wie sich die Klasse zusammensetzt. Schüler können von einem leistungsfreundlichen Klima profitieren. Umgekehrt ist es für den Lernerfolg der Schüler ein Nachteil, wenn kaum ein Kind in einer Klasse die Unterrichtssprache beherrscht.

Schüler sind sich innerhalb der gleich anspruchsvollen Lerngruppe in Bezug auf ihre Fähigkeiten, aber auch in Bezug auf ihre soziale und lernbiografische Zusammensetzung ähnlich. Dadurch entstehen unterschiedliche Lern- und Entwicklungsmilieus, die gleichermassen für die Gymnasien ein Vorteil wie für die Realschulen ein Nachteil sein können. Ein leistungsfreundliches Klassenklima ist an einem Gymnasium einfacher zu erreichen als an einer Realschule.

Die Bedeutung der Zusammensetzung der Lerngruppe gehört auch zu den wichtigsten Argumenten für die Integration von Schülern mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen. Diese profitieren vom Anreiz durch leistungsstarke Schüler und vom leistungsfreundlichen Klassenklima. Bislang gibt es keine Studien, die einen Nachteil der Integration auf den Lernerfolg leistungsstarker Schüler nachgewiesen hätten. Wenn die Integration allerdings verordnet und gegen den Willen der Lehrer eingeführt wird, dann besteht die Gefahr, dass die wichtigste Einflussgrösse des Lernerfolgs nicht mehr wunschgemäss zum Tragen kommt.

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Es sind diese komplexen und ganz unterschiedlichen Bedingungsgefüge, die es kaum zulassen, flächendeckende Reformvorhaben ungeachtet lokaler Voraussetzungen zu beurteilen. Lehrer finden je nach Schule sehr unterschiedliche Arbeitsbedingungen. Die Heterogenität der Schülerschaft ist in Genf und Zürich eine andere als in Freiburg und Schaffhausen. Dass Schulen und Lehrer nicht aufgrund von Ranglisten beurteilt werden möchten, ist deshalb verständlich. Denn auch der Einfluss der Familie — oder das Zuhause, wie es John Hattie nennt — ist auf den Lernerfolg stärker als jener der Schule. Familien sind unterschiedlich mit Kapital ausgerüstet, wobei darunter nicht nur Geld, sondern auch Unterstützungsmöglichkeiten mit Blick auf eine erfolgreiche Schullaufbahn zählen. Für den Lernerfolg sind nicht nur Geld und Bildung relevant, sondern auch, wie Eltern die Freizeitgestaltung ihrer Kinder organisieren. Von den 138 untersuchten Einflussgrössen, zu denen John Hattie berichtet, gehört beispielsweise der Fernsehkonsum zu jenen fünf, die sich negativ auf den Lernerfolg auswirken.

Eltern sind Teil der Schulqualität — mit dem Vorteil, dass ihr Engagement in den öffentlichen Bildungsausgaben nicht erscheint. Am meisten unterstützen Eltern ihre Kinder mit einer anregungsreichen Umgebung zu Hause und mit ihrer inneren Beteiligung am Lernen, kombiniert mit hohen Erwartungshaltungen. Weil nicht alle Eltern aufgrund der beruflichen Belastung diese Umgebung rund um die Uhr garantieren können, ist es verständlich, dass sich die Einrichtung von Tagesschulen und vergleichbaren Angeboten für die Betreuung der Schüler ausserhalb des Unterrichts auch pädagogisch legitimieren lässt.

Wichtig ist, dass das jeweilige Angebot dem Bedarf entspricht, und der ist im Napfgebiet ein anderer als in der Agglomeration von Luzern, weshalb die Angebote von Gemeinden und Schulen verschieden zu gestalten sind. Strukturen alleine bewegen noch gar nichts. Es sind die einzelnen Personen, die die pädagogische Qualität in Organisationen gewährleisten, und es sind vor allem auch die Schüler, die Angebote nutzen müssen.

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Bereits Kinder und Jugendliche sind sich mittlerweile bewusst, dass ihr zukünftiger beruflicher und materieller Erfolg stark von ihrem Lernerfolg abhängt. Zugleich haben die Betonung von Freizeit, die Wertschätzung von sozialen Kontakten und die kritische Haltung gegenüber Autoritäten zugenommen. Der hohe Stellenwert des Wohlbefindens behindert die Bereitschaft, sich der Anstrengung des Lernens zu unterziehen.

Dieser gesellschaftliche Wandel verschärft den Konflikt zwischen Schule und Freizeit, zwischen Lernen und Wohlbefinden. Stärker als je zuvor muss schulisches Lernen mit ausserschulischen Tätigkeiten und Freizeitaktivitäten konkurrieren, was sich bis ins Schulzimmer bemerkbar macht, wenn etwa Schüler mit Lehrpersonen über Leistungsanforderungen verhandeln und gute Schüler als «Streber» abqualifiziert werden. Schüler sind zwar immer die Adressaten von Reformen, ohne ihre aktive Rolle stellt sich der Lernerfolg aber nicht ein. Oder wie es John Hattie umschreibt: Der Schüler muss als eigener Lehrer sein Lernen mental begleiten.

Dass dies mit motivierten Schülern einfacher zu erreichen ist, muss nur deshalb erwähnt werden, weil die Schule nicht alleine für die Motivation verantwortlich ist. Schüler lernen nicht nur aus Freude. Unterricht ist kein Freizeitangebot, und Lernerfolg wird nicht durch Konsum erreicht. Eine Schule, in der Kinder nur aus Freude lernen, ist leider eine Utopie, die in pädagogischen Ratgebern gerne versprochen wird, in der Praxis aber nicht vorkommt und der jegliche motivationspsychologische Grundlage fehlt. Schüler müssen auch dann lernen, wenn sie keinen Spass daran finden. Diesem Zielkonflikt begegnen Schüler mit verschiedenen Strategien. Weniger geeignet für den Lernerfolg ist das Hinausschieben unangenehmer Tätigkeiten oder Multitasking, wie Hausaufgaben erledigen und gleichzeitig SMS schreiben. Besser geeignet ist die Fokussierung und Planung des Lernens. Je mehr es den Schülern gelingt, negative Emotionen durch Anstrengung zu regulieren, desto grösser sind der Lernerfolg und dadurch ausgelöste Gefühle der Zufriedenheit.

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138 Einflussgrössen auf den Lernerfolg hat allein John Hattie in der bisher aufwendigsten Analyse von Forschungsergebnissen diskutiert. Der Fundus von Einflussgrössen auf den Lernerfolg ist immens. Wie nur soll mit einer Reform der Lernerfolg einer Nation gesteigert werden, wenn sich die wesentlichen Einflussgrössen nur beschränkt durch politische Massnahmen erreichen lassen, wenn Schulstrukturen wenig, Lehrer und Eltern aber viel bewegen?

Wer einfache Lösungen präsentiert, übersieht die Komplexität von Schule und setzt Versprechen in die Welt, die nicht einlösbar sind. Nicht zuletzt diese Einsicht hat in den letzten zwanzig Jahren sehr viele Länder dazu veranlasst, ihr Schulsystem mit einer doppelten Strategie zu modernisieren. Zum einen wird die Verantwortung der einzelnen Schule für das pädagogische Handeln gestärkt. Zum andern werden Schulen dazu verpflichtet, ihre Qualität im Sinne der Rechenschaftslegung auszuweisen. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass die Schulen auch dafür Verantwortung übernehmen, dass nahezu alle Schüler nach neun Jahren Mathematikunterricht die eingangs erwähnte Pisa-Aufgabe lösen können. Schulen werden nicht daran gemessen, was sie gemäss den curricularen Vorgaben anbieten, sondern was die Schüler wissen und können.

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Weshalb also zielt der Modernisierungsprozess auf die Schule ab, die gemäss John Hattie die geringste Bedeutung für den Lernerfolg hat? Weil Lernerfolg vor allem auf das Zusammenspiel von Lehrern, Eltern und Schülern zurückgeführt und am einfachsten über die Schule beeinflusst werden kann. Lehrer, Schüler und Eltern benötigen für ihre Aufgabe allerdings weder eine starre Reglementierung noch Handbücher, wie Schulen zu entwickeln sind, sondern Freude und Verantwortungsbereitschaft sowie Zielgrössen, an denen sie sich orientieren können. Ein Verständnis, das auch dem Harmos-Konkordat zugrunde liegt, bis anhin aber weder den Aktionismus im Bildungswesen gebremst noch die Schulpraxis erreicht hat. Ranglisten sind eben für die politische und mediale Diskussion doch geeigneter als Praxisprobleme — wie beispielsweise, dass einfachste Mathematikaufgaben für einen Teil der Schüler nicht lösbar sind!

urs moser leitet das Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich.

urs.moser@ibe.uzh.ch

FERIEN IN DER HÖLLE

Geiselnahme ist in Ländern wie Somalia oder Pakistan ein Businessmodel. Das Ehepaar Chandler war über ein Jahr in Gefangenschaft und wurde beinahe zu Tode geprügelt.

Irgendwo auf dem Indischen Ozean am 23. Oktober 2009, nachts um 2.30: Piraten entern die Lynn Rival.

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Von Jeffrey Gettleman

«Es war keine besonders schöne Nacht», erinnerte sich Rachel Chandler. Kleine, kurze Wellen aus Südost, eine leichte Brise aus Südwest. Kein Mond zu sehen, die Sterne hinter Wolken versteckt.

Langsam entfernte sich ihr Boot von Mahé, der Hauptinsel der Seychellen, und nahm Kurs auf Tanga an der tansanischen Küste. Zwei Wochen sollte der Trip über den Indischen Ozean dauern. Ganz allein, ohne andere Schiffe oder Land in Sicht, tanzte die Lynn Rival, die 11-Meter-Jacht der Chandlers, auf den Wellen.

Rachel (57) hatte gerade Wache, ihr Mann Paul (61) schlief unter Deck. Es war etwa halb drei nachts. Sie sass in T-Shirt am Steuer und hatte ein flaues Gefühl im Magen. Weil der Wind so schwach war, warf sie den kleinen Motor an, der bei fünf Knoten so laut tuckerte, dass er alle anderen Geräusche übertönte.

Als sie das durchdringende Geheul von aufgedrehten Aussenbordmotoren hörte, blieben ihr nur noch Sekunden, um zu reagieren. Plötzlich tauchten zwei Skiffs in der Dunkelheit auf. Rachel richtete den Scheinwerfer auf das Wasser, und in diesem Moment fielen zwei Schüsse.

«Nicht schiessen! Nicht schiessen!», schrie sie.

Der Krach riss Paul aus dem Schlaf. Er hatte nackt geschlafen, wie so oft in tropischen Nächten, und zögerte kurz, bevor er aus der Kabine sprang. «Ich dachte sofort, das sind Piraten», sagte Paul.

Im nächsten Moment kletterten acht Männer an Bord, bewaffnet mit Sturmgewehren und raketengetriebenen Granatwerfern, die gegen die Bordwand schlugen. Paul aktivierte eine Notfunkbake, die sogleich SOS sendete, und ging hinauf an Bord. Die Männer stanken nach Ozean und üblem Parfüm und bedrohten die Chandlers mit ihren Gewehren.

«Motor stopp!» brüllten sie. «Crew, Crew! Wie viel Crew?»

Ein Pirat sah sich nervös nach irgendwelchen Signalmeldern um. Paul verliess der Mut, als der Mann unter Deck stürmte, den blinkenden Notsender entdeckte und sofort abstellte. Die Piraten befahlen den Chandlers, sich nicht zu rühren, und dann wollten sie duschen.

Das war am 23. Oktober 2009. Die nächsten 388 Tage sollten die Chandlers in Gefangenschaft verbringen. In den letzten Jahren haben lose organisierte somalische Piraten, ausgestattet mit Fiberglasskiffs, rostigen Kalaschnikows und Flipflops, Hunderte von Schiffen überfallen — Jachten, Fischerboote, Frachter, Supertanker, indische Dhaus, ganz egal — und für deren Rückgabe Lösegeld erpresst. Die internationale Schifffahrt gibt inzwischen Milliarden Dollar für höhere Versicherungsprämien aus, für bewaffneten Begleitschutz und Treibstoff für weite Umwege bis zum Golf von Aden, dem viel befahrenen Tor zum Roten Meer. Kriegsschiffe aus mehr als zwei Dutzend Nationen patrouillieren vor der somalischen Küste und verbrauchen dabei Diesel für mehr als eine Million Dollar täglich. Und doch ist 2011 ein weiteres erfolgreiches Jahr für Piraterie — mit mehr als zwanzig gekaperten Schiffen, Hunderten gefangener Seeleute und durchschnittlichen Lösegeldern ab 5 Millionen Dollar aufwärts —, ein Vermögen in jedem Land, besonders aber in Somalia, wo es keine Regierung gibt und die Wirtschaft nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg am Boden liegt. Von den Tausenden Geiseln mussten aber nur wenige so lange in Gefangenschaft aushalten wie Paul und Rachel Chandler.

Ende eines Idylls

«Ich habe mich sofort in ihre Stimme verliebt», sagt Paul von seiner Frau. Und ihre Stimme ist wirklich sehr schön, klar und weich. Das war 1979 in London. Paul arbeitete als Ingenieur für ein brasilianisches Unternehmen, Rachel für einen Fensterlieferanten. Sie telefonierten wegen eines Bauprojekts, Paul war sofort Feuer und Flamme.

Bei ihrer ersten Begegnung stellte er fest, dass Rachel gross war, sogar etwas grösser als er, dünn, mit hellem Teint und rotem Haarschopf. Sie gingen anderthalb Jahre miteinander, heirateten und zogen bald darauf nach Doha, wo Paul Arbeit fand und ein Palästinenser namens Sammy Rachel Segelunterricht gab. (Paul segelt seit seiner Kindheit.) Als sie ein paar Jahre später nach England zurückkehrten, kauften sie einen Anteil an der Lynn Rival, einer bescheidenen Jacht (wenn es so etwas gibt), die für längere Reisen gerade gross genug war. Sie hatten keine Kinder, und als sie vor ein paar Jahren in Rente gingen, lebten sie fortan auf ihrer Jacht, befuhren die Adria, das Rote Meer, erkundeten Ägypten, Indien, den Sudan, Oman und Eritrea und bloggten unterwegs über ihre Erlebnisse.

Es war ein traumhaftes, aber nicht sehr luxuriöses Leben. Paul fing frühmorgens Fische, die Rachel mittags in die Pfanne warf. Sie backten ihr eigenes Brot in dem schuhkartongrossen Ofen und schliefen selbst in Häfen an Bord, um Hotelkosten zu sparen. Die Lynn Rival ist ein hübsches, teakverkleidetes Boot, aber schon dreissig Jahre alt, und das Leben an Bord bestand aus Ölen, Reinigen, Abdichten, Kabelverlegen und ständigen Reparaturen der eigenwilligen Schiffstoilette.

Sie wussten, dass der Indische Ozean von somalischen Piraten unsicher gemacht wird, doch für Paul, Ingenieur mit Cambridge-Abschluss und hyperrational, war das Risiko, Piraten in die Hände zu fallen, nicht viel grösser, als mitten auf dem Meer ein halb versunkenes Containerschiff zu rammen — theoretisch möglich, aber extrem unwahrscheinlich. Technisch gesehen, hat Paul recht. Von den Zehntausenden Schiffen, die jedes Jahr die somalische Küste passieren, werden ein paar Dutzend gekapert. Das Entführungsrisiko liegt also bei etwa 0,1 Prozent. Und die Seychellen, ein traumhaftes Urlaubsparadies, waren zu jener Zeit ziemlich sicher, auch wenn Piraten inzwischen auch dort aufgetaucht sind.

Sobald die Piraten das Kommando auf der Lynn Rival übernommen hatten, begannen sie, das Schiff zu plündern. Sie rissen Schränke auf, assen alle Kekse, stahlen Geld, Uhren, Ringe, elektronische Geräte, das Satellitentelefon und Kleidungsstücke. Sie waren zu zehnt, zwei Nachzügler waren etwas später dazugekommen. Nachdem sie geduscht und den Frischwasservorrat komplett verbraucht hatten, kleideten sie sich ein. Ein breitschultriger Typ mit Namen Buggas, offenbar der Anführer, fand besonderen Gefallen an den wasserdichten Hosen, in denen er auf und ab stolzierte, während andere Piraten in Rachels bunten Hosen und Blusen herumliefen.

Die Piraten vertäuten ihre Skiffs an der Lynn Rival und nahmen Kurs auf Somalia. Bei dem schwachen Wind würde es zwei Wochen dauern. Da Buggas sich aber beeilen musste, nahm er Kontakt mit anderen Piraten an Bord der Kota Wajar auf, einem entführten singapurischen Frachter.

«Mit Mann sprechen!» befahl er Paul und drückte ihm das Satellitentelefon in die Hand. «Sie uns retten.»

Das Piratenmutterschiff

Das war Pauls Begegnung mit dem losen Verband somalischer Piraten und ihrer neuesten Strategie — dem Mutterschiff. Dies sind grössere Schiffe, auch sie in der Regel gekapert, die, mit Proviant und Treibstoff für Wochen ausgestattet, den Piraten als schwimmender Stützpunkt dienen. Sie schippern in der Weite des Ozeans, die schnellen Skiffs im Schlepptau, so dass die Piraten Tausende Meilen von der Küste entfernt operieren können. Ihr Operationsgebiet erstreckt sich auf diese Weise über mehr als drei Millionen Quadratkilometer, das zu überwachen praktisch unmöglich ist. Jay Bahadur, Autor von «The Pirates of Somalia. Inside Their Hidden World», betrachtet die internationalen Marineeinsätze als aussichtsloses Katz-und-Maus-Spiel.

Paul sprach mit dem Frachterkapitän, einem Pakistani, dem ein Gewehr an die Schläfe gehalten wurde, und vereinbarte ein Zusammentreffen. In dem Moment, als die Lynn Rival an dem Frachter längsseits gehen wollte, näherte sich eine britische Fregatte, die das Geschehen aus der Ferne beobachtet hatte. Buggas stiess Paul seine Kalaschnikow ins Gesicht und erklärte in gebrochenem Englisch, er solle dem Schiff per Funk befehlen, wieder umzukehren.

«Bitte drehen Sie ab, sonst töten sie uns», erklärte Paul dem Kapitän, woraufhin das britische Kriegsschiff verschwand.

Die Kota Wajar — mit mehr als einem Dutzend gefangener Besatzungsmitglieder — fuhr die etwa hundertfünfzig Meilen zur somalischen Küste, wo sie mit anderen gekaperten Schiffen zusammentraf, die dort vor Anker lagen, eine schwimmende Gemeinschaft von Geiseln. Für Rachel war das ein gewisser Trost, sie und Paul waren nun nicht mehr ganz allein. Geiseln werden meistens auf ihrem Schiff festgehalten, aber Buggas wich von der üblichen Prozedur ab. Es sei jetzt Zeit, an Land zu gehen, grunzte er. Rachel Chandler stieg wie versteinert in ein Skiff, bemerkte noch einige weisse Gesichter, die teilnahmslos von einem spanischen Fischtrawler zu ihr herunterblickten, und dann liefen sie an Land auf.

«Es sah aus wie auf einer Werft», sagte Paul. «Es war ein kleiner Stützpunkt.» Unzählige Männer, sämtliche bewaffnet, waren mit Metallschneidern, Schweissgeräten, Hämmer, Zangen und anderem Werkzeug zugange, um eine Flotte für spätere Einsätze vorzubereiten.

Direkt hinter dem Stützpunkt standen zwei frisch gewaschene Toyota Pickups. Beim Einsteigen bemerkte Rachel, dass Buggas die Rolex ihres Mannes trug. «Schau mal, er trägt deine Uhr», rief sie. Einer der Männer, der vorn sass, hörte das und stellte Buggas zur Rede, der daraufhin die Uhr verlegen an Paul zurückgab. Der Mann, der Englisch sprach, war besser gekleidet als Buggas und nicht bewaffnet. Er machte auf die Chandlers einen gebildeteren Eindruck. In dieser Situation versuchten sie zum ersten Mal herauszufinden, in wessen Händen ihr Schicksal lag.

«Wir hatten keine Ahnung, wer diese Typen waren», sagte Mohamed Aden über die Entführer der Chandlers. «Niemand kannte sie, Küchenschaben heissen solche Leute bei uns, es waren Gangster. Sie hatten zum ersten Mal jemanden an Land gebracht, es war ihre erste Geiselnahme. Es dauerte sechs Monate, bis wir herausgefunden hatten, wer sie waren.»

Aden, bekannter unter seinem Spitznamen Tiiceey, ist Chef der Verwaltung von Himan und Heeb, einem kleinen Clan-Gebiet in Zentralsomalia. Nach zwanzig Jahren Chaos in dem Land, sind überall winzige Kleinstaaten entstanden, nach jüngster Zählung mehr als zwanzig, die von Angehörigen eines Clans beherrscht werden — der einzigen Struktur der somalischen Gesellschaft, die den Bürgerkrieg überdauert hat. In der Hauptstadt Mogadischu sitzt die international anerkannte Übergangsregierung, die von den USA und den Vereinten Nationen Millionen Dollar erhalten hat, aber sie wurde im Ausland zusammengestellt und hat keinen Rückhalt in der Bevölkerung. Sie kontrolliert gerade einmal Mogadischu, in Zentralsomalia ist sie völlig bedeutungslos.

Aden operiert in einem kleinen Haus in Adado, einer Stadt etwa dreihundert Kilometer landeinwärts. Er kleidet sich und spricht wie ein Rapper, mit Kangol-Mütze und Baggy-Pants und einem iPhone am Gürtel. Er ist naturalisierter Amerikaner und war jahrelang in Minnesota, wo er eine Pflegefirma hatte, bevor er von Ältesten seines Clans, der Saleban, aufgefordert wurde, die Regierung von Himan und Heeb zu übernehmen. 2009 war ich zwei Wochen dort, um zu beobachten, wie er aus dem Nichts eine Verwaltung aufbaute, inklusive Polizei, Umweltgesetzen und Schulen. Aden hat jedoch ein Piratenproblem. Technisch gesehen, erstreckt sich seine Jurisdiktion bis zur Küste, aber er hat dort nichts zu sagen. Das Gebiet wird von Piratenbanden kontrolliert, die mehrheitlich zu den Saleban gehören.

«Militärisch kann ich es mit diesen Burschen unmöglich aufnehmen», sagte Aden. «Ich würde es ja gern, aber ich schaffe es nicht.»

Eine Woche später wird das Ehepaar Chandler von den Gangstern an der somalischen Küste an Land gebracht…

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…und in Amara schwer misshandelt.

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Aden hat sich stattdessen mit einigen der berüchtigten Piraten gutgestellt, die oft einen Spitznamen tragen wie Son of a Liar, Red Butt, Red Teeth und Big Mouth. Big Mouth, der als einer der Urväter des somalischen Piratenunwesens gilt, schwenkte unlängst auf die Kat-Branche um, den Handel mit den Blättern, die Millionen Somalier als leichte Droge kauen, um zeitweilig ihrer tristen Realität zu entfliehen. Aden und Big Mouth sorgten für die Instandsetzung des Flugfelds von Adado, auf dem die Kat-Transporte abgewickelt werden, eine hübsche Einnahmequelle für Adens kleine Verwaltung (auf jeden Flug wird eine Steuer erhoben) und für Big Mouth ein profitables Geschäft.

«Was soll ich machen?», sagte Aden lachend. «Ich versuche, mein Gebiet zu entwickeln.»

Big Mouth

Nach der Gefangennahme der Chandlers sprach Aden sofort mit Big Mouth, um herauszufinden, wer die Entführer waren, aber nicht einmal Big Mouth wusste etwas. In den letzten Jahren, angelockt von der Aussicht auf immer höhere Lösegelder, sind Tausende von armen, ungebildeten jungen Somaliern in das Geschäft eingestiegen. Und in Adado war nur bekannt, dass ein Neuer namens Buggas die Chandlers nach Amara gebracht hatte, eine Stadt an der Küste, in der er Unterstützer habe. Dieser Rückhalt ist wichtig, denn Geiseln festzuhalten, womöglich lange Zeit, kann sehr teuer werden. Man muss für Verpflegung und vor allem für ihre Bewachung aufkommen, damit sie nicht von rivalisierenden Piratenbanden oder einer islamistischen Miliz entführt werden. Nach Pauls Schätzung hat ihre Haft monatlich etwa 20 000 Dollar gekostet — pro Tag 300 Dollar für Kat, 100 Dollar für Ziegen, vielleicht etwas mehr für Tee, Zucker, Milchpulver, Treibstoff, Munition und anderes. Und die Leute müssen bezahlt werden — im Fall der Chandlers die Entführer und ihre dreissig Helfer, die sich mit der Bewachung ablösten. Hinzu kommen die Dolmetscher, die zum Aushandeln des Lösegelds nötig sind und viel Geld verlangen.

Das Piratengeschäft läuft meist auf Kreditbasis — die Entführer leihen sich das benötigte Geld von Clan-Angehörigen oder anderen, die später einen Teil des Lösegelds (Sami auf Somali) erhalten. In Amara kam rasch das Gerücht auf, dass die Chandlers reich seien, vielleicht sogar britische Abgeordnete — eine ideale Chance, an Sami zu kommen.

«Alle sagten, das Lösegeld geht in zwei Monaten ein, dann hätten sie ihren Einsatz verdoppelt», erinnerte sich Aden. «Die Leute investieren 5000 Dollar und bekommen 10 000 zurück. Das ist doch ein hübscher Gewinn, nicht?»

Für Rachel verschwimmt die ganze Zeit zu einem einzigen Tag. Frühmorgens, wenn die Luft noch einigermassen kühl war, stand sie auf. Paul schlief später. Zum Frühstück gab es Ziegenleber, dazu einen Kanister mit Wasser aus einem Brunnen. Sie lasen in den paar Büchern, die sie aus der Jacht hatten mitnehmen dürfen, und schrieben Tagebuch. Paul konzentrierte sich auf den Moment. «Bedeckt, leichter Wind» lautet ein Eintrag in blauer Tinte, «Wieder eine schlaflose Nacht» ein anderer. Rachels sauber geschriebene Einträge sind ausführlicher. Die Gerüche, an die sich die beiden erinnern, sind Schweiss, das üble Parfüm, mit dem sich die Piraten einnebelten, und der Geruch der in Diesel getränkten Holzkohle. Wenn ihnen danach zumute war, machten sie morgens Yoga. Einmal bemerkte Paul, dass ein paar Bewacher mit ernstem Gesicht hinter ihnen mitmachten. Vermutlich langweilten sie sich.

Kein Geld

«Ich habe gekämpft», erzählte Rachel im Mai in ihrem Haus in Dartmouth, wo die Chandlers seit ihrer Befreiung wohnen. «Wenn der Vormittag überstanden war und die schwüle Hitze einsetzte, lag ich da und dachte, ich will nicht lesen, ich will überhaupt nichts tun, wie soll ich die nächsten zehn Minuten überstehen, die nächsten zehn Stunden, geschweige denn die nächsten zehn Tage?»

Mittags gab es Spaghetti ohne alles, meist Riesenportionen. Anschliessend Siesta, vielleicht auch Wäschewaschen. Zum Abendessen gab es Bohnen und Reis. Mit den Piraten, die sich gelegentlich eine Schere ausborgten oder bei ihnen Radio hörten, sprachen sie kaum ein Wort. Dann war Schlafenszeit.

Wie es aussah, war Buggas der Anführer. Das erschien den Chandlers merkwürdig, denn er war ungebildet, aufbrausend und grob. Sie hofften, erfahrenere, intelligentere Piraten würden erscheinen und erkennen, dass sie nicht reich sind, und ein bescheideneres Lösegeld verlangen. Doch dazu kam es nicht. Buggas war völlig überzeugt, dass er bald Millionen machen werde — schliesslich hatte er zwei Weisse in seiner Gewalt.

«Britisch Regierung zahlen viel Geld, kein Problem», sagte er immer wieder.

«Er war nicht sehr hell», sagte Rachel. «Er war einfach ein Gangster.» Sie schloss die Augen, um ihn mir zu beschreiben — etwa 33, dicklich, rundes Gesicht, niedrige Stirn, kleine Augen, fleischige Lippen, die meist offen standen. Buggas drohte ständig: «Nix Geld, ihr tot.»

Das Problem war, dass die Chandlers nicht viel Geld besassen. Sie hatten etwa 75 000 Dollar für den Kauf und die Instandsetzung der Lynn Rival ausgegeben, und sie besassen eine Wohnung in Tunbridge Wells, südöstlich von London, die rund 250 000 Dollar wert war, sowie ein Sparkonto — alles in allem eine halbe Million. Die Piraten lachten nur. Sie verlangten sieben Millionen und sagten, Paul solle einen Verhandlungspartner auftreiben.

«Verhandlungspartner?» sagte Paul. «Ich habe keinen Verhandlungspartner.» Er schlug den Piraten vor, mit Rachels älterem Bruder Stephen Collett zu sprechen, einem Farmer in England. Stephen, der zurzeit ein Buch über die Entführung schreibt, mochte nicht über die zweihundert Telefonate sprechen, die er mit den Piraten geführt hat. Er schien noch immer mitgenommen. «Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie einen Anruf von jemandem bekommen, der Ihnen erklärt: Ich habe Ihre Schwester und ihren Mann in meiner Gewalt, Sie sollten uns besser alles an Geld schicken, was Sie haben, und Sie können froh sein, wenn Sie die beiden lebendig wiedersehen.»

Die Chandlers zogen bald den Schluss, dass Flucht oder Befreiung unwahrscheinlich war. Die Piraten konnten in ihrem Territorium schalten und walten, wie es ihnen beliebte. Immer kamen Leute in das Camp — junge Männer und Frauen und so etwas wie Stammesälteste, die stundenlang mit den Piraten zusammensassen, plauderten, lachten und mit ihnen Tee tranken. Es war völlig klar, dass alle zusammenhielten und von ihnen keine Hilfe kommen würde. Paul, ein ausgesucht höflicher und liebenswürdiger Mann, fand das besonders bitter.

«Alles haben sie mitgemacht», sagte er. «Ich bin wütend auf die somalische Gesellschaft. Ich bin wütend auf die ganzen Leute.»

In einem Industrieviertel im Nordosten Londons, gleich neben einer Karosseriewerkstatt und hinter einer anonymen Tür, befindet sich Universal TV. Der Sender besteht aus ein paar Büros und einem notdürftig ausgestatteten Studio mit einem schwarzen Vorhang und einer riesigen Afrikakarte. Verschleierte Somalierinnen eilen umher, Männer mit Gebetskappe laufen zur nächsten Tankstelle, um Fanta und Kartoffelchips zu holen. Wenn etwas die somalische Diaspora zusammenhält, ein Volk, das der Bürgerkrieg über die ganze Welt verstreut hat, von Sydney bis nach Minnesota, dann ist es Universal TV, der Nachrichten und andere Programme in somalischer Sprache bringt und eine Art Nationalgefühl aufrechterhält, während im Land Chaos herrscht.

Einer der Moderatoren ist der 28-jährige Ridwaan Haji Abdiwali, der im Bürgerkrieg von einem Querschläger getroffen wurde und vor sieben Jahren nach England floh. Er hat nachdenkliche, tief liegende Augen, seine Sendung «Have Your Say» wird allwöchentlich ausgestrahlt. Er ist verlegen, wenn es um sein Heimatland geht, das seit 1991 von Krise zu Krise taumelt.

Gewalt

«Das alles betrübt mich sehr», sagte Abdiwali. «Mir geht es schlecht, wenn ich mein Land sehe. Keine Schulen, keinen Frieden, keine Beziehungen zum Ausland, keine Wirtschaft.»

Aber die Entführung der Chandlers war besonders schlimm. In den Nachrichten wurde über den Fall berichtet, perfektes Boulevardmaterial, eine grosse Story: zwei pensionierte Engländer, «auf der Reise ihres Lebens», in der Gewalt somalischer Gangster. Abdiwali erinnerte sich, dass er in der Mensa der University of Westminster sass, als im Fernsehen die Meldung über die Chandlers kam. «Oh nein», stöhnten er und seine Freunde. «Das sind Gangster, das sind Verbrecher.»

Abdiwali beschloss, in seiner 60-Minuten-Sendung vor allem über den Fall Chandler zu informieren. Er sprach während der Sendung sogar mit Buggas und dessen Komplizen und schimpfte. «Die Chandlers sind keine reichen Jachtbesitzer», rief er den Piraten zu. «Sie sind unschuldig, lasst sie frei!» Seine Strategie bestand darin, Schimpf und Schande über die Piraten zu bringen, weil sie zwei ältere Leute entführt hatten, und den Engländern zu zeigen, dass nicht alle Somalier Verbrecher und Gangster sind.

Eines Tages erschien Buggas vor der winzigen Hütte, in der die Chandlers hausten, Matratzen lagen auf dem Boden, Munitionskisten standen achtlos in der Gegend, als Dach diente eine Plastikplane.

«Paul, gehen, du!», befahl er. «Du Tasche nehmen, gehen!»

Buggas wollte die Chandlers trennen, um ihnen das Leben noch schwerer zu machen, auf dass sie ihre Angehörigen umso inständiger bitten würden, sie freizukaufen. Doch die Chandlers weigerten sich, schlossen einander in die Arme. Es war nicht nur die Angst vor der Einsamkeit, erklärte Rachel. «Wir wollten nicht allein sterben», sagte sie. «Damals konnten wir uns nicht vorstellen, dass wir je freikommen.»

Buggas nahm sein Gewehr und schoss dreimal in die Luft.

«Raus!» brüllte er. «Raus!» Die Chandlers hielten sich noch fester in den Armen.

«You crazy!» sagte einer der Bewacher, dem die Chandlers den Spitznamen Mr. Saubermann gegeben hatten, weil er seine dünne Matratze immer ganz ordentlich zusammenrollte. Paul fauchte zurück: «Selber verrückt!» Buggas lief zu einem Baum, riss eine Wurzel heraus, beschnitt sie mit einem grossen Messer und prügelte damit auf die Chandlers ein, vor allem auf Rachels Kopf. Die beiden warfen sich zu Boden, wurden aber von anderen Piraten auseinandergerissen. Bis dahin waren sie schon öfter mit Gewehren bedroht, aber noch nie geschlagen worden. Die Piraten schienen darauf zu achten, sie nicht anzufassen — bis jetzt. Während Paul von mehreren Bewaffneten weggezerrt wurde, sah er noch, wie Rachel kniete und «Mörder! Dreckskerle!» schrie, und in dem Moment knallte Buggas ihr den Gewehrkolben ins Gesicht und schlug ihr einen Zahn aus.

Und so begannen drei Monate Einsamkeit. Die Chandlers wurden in Hütten in Asmara gesteckt, nur wenige Kilometer voneinander entfernt, konnten aber keinen Kontakt zueinander aufnehmen. Paul versuchte, sich abzulenken, machte Zeichnungen in seinem Tagebuch und legte ein Wörterbuch mit somalischen Ausdrücken an — «Schale», «Banane», Messer». Ein Mann, der Koch, sprach gelegentlich mit ihm. «Manchmal gab es Momente, wo ich da sass und weinte», sagte Paul. «Ich wusste, dass es nichts nützte. Ich habe mir diese kleine Schwäche erlaubt.»

In dieser Situation begann er mit seinen «Betteltelefonaten» bei den Verwandten. Während Rachel Hemmungen hatte, die Familie um Hilfe zu bitten, betrachtete Paul die Sache als «simples Geschäft». «Ich würde jeden Penny zurückzahlen, den ich zusammenkratzen konnte, um uns herauszuholen.»

Somalier engagieren sich

Doch selbst eine Anfrage nach dem Stand ihres Sparkontos erwies sich als Problem. Da die Chandlers offiziell «in Haft» waren, wie Stephen vom Anwalt der Familie erfuhr, und ihnen «psychische Instabilität» unterstellt wurde, konnten sie die Verfügungsgewalt über ihr Konto nicht abtreten. Wütend fuhr Paul seinen Schwager an: «Sag dem Anwalt, er soll für das Geld einen Grabstein kaufen.» Zu mir sagte er: «Ich wusste, ohne Lösegeld würden wir nicht freikommen. So einfach war das.»

Am 14. November 2010 werden die Chandlers in der somalischen Wüste freigelassen.

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Paul hatte vor allem mit einem Dolmetscher namens Ali zu tun, der mit Stephen die Verhandlungen führte. Ali sprach kaum mit den Bewachern, die meist um die 20 waren. Er selbst war etwas älter und trug ein gebügeltes Hemd, Sonnenbrille, goldene Armbanduhr und Goldkettchen. Nach Informationen der Anwälte, die mit Piraterie zu tun haben, sind die Dolmetscher meist gebildete Männer aus der Community, die für verschiedene Piratenbanden arbeiteten und in der Regel ein Pauschalhonorar erhalten, das bis zu 200 000 Dollar betragen kann — im Grunde Schreibtischpiraten.

Rachel war derweil völlig isoliert. Buggas hatte den Bewachern verboten, mit ihr zu sprechen. Rachels Koch warf ihr eine Schale mit Essen hin und schlurfte dann davon. Sie begann, Selbstgespräche zu führen, zu singen und manchmal den Gebetsruf nachzuahmen. «Ruhe oder ich dich schlagen!», brüllte Buggas dann. Es war eine quälende Vorstellung für sie, dass Buggas und seine Leute von ihrem Elend profitierten. Diese Befriedigung wollte sie ihnen vorenthalten. So etwas wie Trotz stieg in ihr hoch. Sie war völlig machtlos, hatte keinen Einfluss auf ihr Schicksal — nur in einer Weise. Sie hatte zwei Rasierklingen in ihrer Hütte versteckt und dachte manchmal daran, sich nachts die Pulsadern aufzuschneiden, und dann würden die Piraten sie am nächsten Morgen in einer Blutlache tot auffinden.

«Aber dann hätte ich ihre Gesichter nicht sehen können», sagte sie. «Es wäre also sinnlos gewesen.»

Ende Januar durfte ein Arzt, Abdi Mohamed Elmi, bekannt als Dr. Hangul, die Chandlers besuchen. Ein somalischer Journalist, Mohamed Dahir, begleitete ihn, machte Filmaufnahmen und verkaufte das Material an den britischen Fernsehsender Sky News. Dahir war schockiert, als er Rachel sah.

«Sie hockte völlig apathisch unter einer Plastikplane in einem Buschcamp», sagte er. «Sie war ganz abgemagert, mit tiefen Falten unter den Augen. Sie sagte immer wieder: Ich muss zu meinem Mann. Ich will meinen Mann sehen, bevor ich sterbe.»

Für die somalische Community in England war Mohamed Dahirs Film zutiefst verstörend. Man befürchtete, die Chandlers würden in der Geiselhaft sterben. Die Piraten würden sie natürlich nicht gezielt töten und damit ihre Chancen auf Lösegeld verspielen. Aber in der Diaspora weiss jeder: Die Wüste kennt kein Mitleid.

Abdiwali und die anderen Angehörigen der Initiative «Freiheit für die Chandlers» überlegten sich eine neue Strategie. Es wurde Zeit, die Clan-Karte auszuspielen. Somalia ist eines der homogensten Länder der Welt, fast alle Einwohner gehören derselben Religion (sunnitischer Islam) und derselben Ethnie an und sprechen dieselbe Sprache (Somalisch), allerdings sind sie aufgeteilt in eine Vielzahl von Clans. Die meisten Gebiete, mit Ausnahme der grossen Städte, werden von einem bestimmten Clan beherrscht. Piraten hören zwar nicht immer auf die Clans, aber sie sind auch nicht völlig unabhängig von ihnen. Clan-Älteste haben nach wie vor grossen Einfluss, selbst wenn sie sich nicht auf eine Miliz stützen können, sie können Druck ausüben und den Piraten in ihrem Gebiet das Leben sehr schwer machen.

Abdiwali versuchte, mithilfe seiner Show die Saleban unter Druck zu setzen, den dominierenden Clan in Amara, dem auch Buggas und seine Leute angehörten. «Ich habe gesagt, das könnte eurem Clan schaden», erinnerte sich Abdiwali, der einem anderen Clan angehört. «Nein», verbesserte er sich, «ich habe nicht Clan gesagt. Das ist ein heikles Thema. Ich habe gesagt, das könnte dem Namen eures Gebiets schaden, denn wenn ich Clan sage, werden manche Leute sagen, Ridwaan, du hasst diesen Clan.»

Wieder zusammen

Bald drohten die Piraten, Abdiwali umzubringen. Aber Todesdrohungen waren für ihn nichts Neues. Er war schon oft von den Shabab bedroht worden, der islamistischen Gruppe in Somalia, die regelmässig Enthauptungen praktiziert. Er tat die Drohung der Piraten ab.

Die Zeit verging. Immer mehr britische Somalier sprachen über die Chandlers, wenn sie an ihren Treffpunkten zusammenkamen, wie etwa dem Restaurant Blue Ocean im Londoner Stadtteil Shepherd’s Bush oder im Euro Discount Shop in Bristol (wo Kat-Bündel aus Kartons verkauft werden). Und immer wieder kam man auf das Thema Clan zu sprechen.

«Es gab eine Riesendebatte», erinnerte sich Mursal Kadiye, ein Geschäftsmann vom Clan der Saleban, der bei mehreren Geiselnahmen vermittelt hat, auch bei der Kaperung des saudischen Supertankers Sirius Star, der den Piraten mit Rohöl im Wert von 100 Millionen Dollar in die Hände gefallen war. «Die Leute haben gesagt: ‹Wie könnt ihr das zulassen? Habt ihr keine politischen Anführer? Habt ihr keine Clan-Ältesten? Wie könnt ihr zulassen, dass zwei ältere Leute in Saleban-Gebiet gefangen gehalten werden?› Es war peinlich.»

Für Kadiyes Bruder Dahir, einen ehemaligen Taxifahrer, der kürzlich in Mogadischu die Filiale einer internationalen Sicherheitsfirma aufgebaut hat, war es noch schlimmer. Sein Sohn Yusuf wurde an seiner Londoner Schule gemobbt — die Mitschüler sagten «Pirat» zu ihm.

Doch Buggas und seine Bande gaben nicht nach. Sie brauchten das Geld unbedingt. Ihre Auslagen stiegen mit jedem Tag, und sie hatten viele Gläubiger (meist schwerbewaffnet), die natürlich erwarteten, ihr Geld zurückzubekommen.

Im Frühjahr, als die Chandlers bereits sechs Monate in Gefangenschaft waren, wendete sich die lokale Meinung gegen Buggas. «Die Leute lachten über die Piraten», sagte Mohamed Dahir, der Journalist. «Alle sagten, sie haben riesige Schulden und halten ein älteres Paar gefangen, das überhaupt kein Geld hat.» Dr. Hangul, der Arzt, sagte: «Die Piraten trauten sich in Adado kaum noch auf die Strasse.»

Dr. Hangul berichtete auch, dass Buggas gar nicht der Boss gewesen sei. «Er war Sicherheitschef, Chef der Miliz», sagte er. «Er arbeitete für drei, vier Investoren, die die Entscheidungen trafen.»

In vielen somalischen Pirateriefällen stellt eine Gruppe von Investoren oder Kreditgebern das für die Aktion notwendige Geld zur Verfügung, und es ist dann die Aufgabe des Obergangsters, einen ordentlichen Gewinn zu erzielen. Doch am Ende schien auch Buggas und seinen Gläubigern zu dämmern, dass in diesem Fall kein nennenswerter Profit zu machen war. Stephen und Ali handelten einen Betrag unter einer halben Million Dollar aus (mehr konnte die Familie Chandler nicht aufbringen) — für die Piraten ein demütigender Bruchteil dessen, was Redereien üblicherweise zahlen. (Eine Bande, die unweit von Amara aus operierte, verdiente im letzten Jahr mit der Entführung des koreanischen Öltankers Samho Dream 9,5 Millionen Dollar.)

Stephen kümmerte sich in Nairobi um ein Charterflugzeug, um das Geld zu überbringen. Angesichts der Vielzahl von Entführungen in den letzten Jahren haben sich Firmen mittlerweile darauf spezialisiert, Lösegelder aus der Luft abzuwerfen.

Und während die letzten Einzelheiten besprochen wurden, erklärte Buggas sich bereit, die Chandlers wieder zusammenzubringen. Rachel erzählte, wie sie Paul nach drei Monaten wieder sah, als er mit seiner dreckigen Tasche aus einem Pickup stieg und zu ihr in die Hütte kam. Sie war sonst immer gefasst und ruhig, aber in diesem Moment brach sie in Tränen aus.

«Ich dachte, mein Gott, er sieht so alt und schwach aus», sagte sie. «Doch dann hat er gelächelt, sein altes Lächeln. Selbst Buggas stand zufrieden da und sagte: Are you happy? Es war wirklich unfassbar.»

Mitte Juni erschien Ali, der Dolmetscher, mit einem Schriftstück in englischer Sprache, ein Piratenvertrag. «Das ist die übliche Praxis», sagte Stephen. «In dem Schreiben wird festgestellt, dass die Familie Chandler 440 000 Dollar zahlen wird, woraufhin ‹die Piraten› — dieses Wort stand da tatsächlich — die beiden umgehend freilassen werden.» Ali unterzeichnete den Vertrag und faxte ihn an Stephen, der dann mit Rachel sprach. «Das Flugzeug ist unterwegs», teilte er ihr mit. «Auf bald in Nairobi!»

«Unsere Hoffnungen waren riesig», sagte Paul.

Doch es passierte nichts. Die Chandlers blieben in ihrem Camp. Auf Fragen antworteten die Piraten immer nur: «Heute nix Flugzeug.» Und morgen nicht und am Tag darauf auch nicht. In ihrer Verzweiflung fragten sie sich, ob Stephen wohl kalte Füsse bekommen und sich aus dem Geschäft zurückgezogen hatte.

Als Mohamed Dahir, der Journalist, im Juli zurückkehrte, flüsterte er den Chandlers zu, dass das Lösegeld abgeworfen worden sei. Knapp 450 000 Dollar hatten die Piraten erhalten. «Bastarde!» brüllte Rachel. «Ihr habt das Geld!»

Ungefähr in dieser Zeit begann Aden, der Chef der Verwaltung der Himan und Heeb, selbst in der Sache tätig zu werden. Er war im Gespräch mit internationalen Hilfsorganisationen, die er in sein Territorium holen wollte (Adado galt inzwischen als Oase der Sicherheit im ansonsten kriegerischen Zentralsomalia), und dass sein Gebiet mit der Gefangennahme von westlichen Geiseln in Verbindung gebracht wurde, passte ihm überhaupt nicht ins Konzept. Er sammelte 50 000 Dollar bei lokalen Geschäftsleuten und hätte Buggas und seine Leute fast zur Annahme dieser Summe überreden können. Doch dann riefen irgendwelche Leute aus Nairobi und London bei Buggas an und sagten, er solle mehr fordern. Aden wollte nicht sagen, wer diese Leute waren — vielleicht wusste er es auch nicht. Aber in vielen Fällen von Geiselnahme mischen sich Fremde, meist somalische Geschäftsleute, in die heiklen Verhandlungen ein, bieten den Angehörigen der Opfer oder den Piraten ihre Dienste an, in der Hoffnung, vom Lösegeld etwas abzubekommen.

«Ist schon ein verrücktes Geschäft», sagte Aden. «Jeder will etwas für sich herausschlagen, aber für Paul und Rachel hat sich niemand interessiert.» Paul war es inzwischen leid, die folgsame Geisel zu spielen. Wenn die Bewacher fragten, ob sie sein Radio oder seine Spielkarten ausleihen könnten, lehnte er ab. Was konnten sie ihm schon tun. Eines Nachts, die Gangster hatten gerade ein paar neue Mobiltelefone bekommen, machten sie einen Mordskrach, während er zu schlafen versuchte. Er trat in Unterhose hinaus und brüllte: «Ruhe!», worauf die Männer schwiegen. Einer von ihnen fragte verunsichert: «Problem?»

Im November beschloss Dahir Kadiye (dessen Sohn von seinen Londoner Mitschülern verspottet worden war), nach Adado zu reisen. Er wollte die Kontakte nutzen, die er in seiner kleinen Sicherheitsfirma geknüpft hatte, um die Chandlers heimzubringen. Doch was dann genau passierte, ist unklar. Aden und einige andere versicherten mir, Kadiye, Dr. Hangul und andere im Ausland lebenden Saleban hätten mehrere 100 000 Dollar zusammengelegt, um die Piraten auszubezahlen. Das Geld wurde heimlich gesammelt, sagte Aden, und eine reiche Somalierin, die am Persischen Golf lebt, steuerte 100 000 Dollar bei, damit die Sache wirklich abgeschlossen wurde.

Dr. Hangul hat eine etwas andere Version. Kürzlich berichtete er mir, dass die somalische Regierung den Piraten über Kadiye mehrere 100 000 Dollar zahlte, nachdem der Präsident, Sheikh Sharif, im März 2010 mit dem damaligen britischen Premierminister Gordon Brown zusammengetroffen war. Somalische Offizielle wollten sich zu der Frage, ob Geld an die Piraten geflossen sei, nicht äussern. Ein britischer Diplomat, der mit dem Fall Chandler vertraut ist, sagte mir, seine Regierung zahle keine Lösegelder, decke solche Sachen nicht und ermutige auch nicht dazu. Und er fügte hinzu, wenn die somalische Regierung «tatsächlich an der Zahlung beteiligt war — auch mir ist so etwas zu Ohren gekommen, aber ich kann es nicht bestätigen —, dann war es nicht das Resultat eines Gesprächs mit uns».

Kadiye bestreitet vehement, dass zusätzliche Gelder geflossen sind. Er habe, sagt er, den Abschluss der ganzen Sache nur erleichtern wollen und es sei nur systematischer Druck der Community ausgeübt worden.

Die Chandlers glauben jedoch, dass eine zweite Zahlung geleistet wurde. Eines Tages erschien Buggas, als keine anderen Bewacher in Hörweite waren, und sagte ungefähr: «Meine Somali-Familie geben 200» — gemeint war sein Clan. (Die Piraten rechnen immer in Tausendern.)

Am 13. November 2010, mehr als ein Jahr nach ihrer Entführung, wurde den Chandlers befohlen, ihre Sachen zu packen. Sie stiegen in die Toyotas. Alle Einwohner von Amara schienen am Strassenrand zu stehen, um ihnen zum Abschied zuzuwinken. «Wir haben uns bewusst keine grossen Hoffnungen gemacht», sagte Paul. «Aber wir hatten so ein Gefühl.» Stundenlang fuhren sie in westlicher Richtung, immer tiefer in die Wüste. Buggas sass hinten im Pickup, die Backen voller Kat, eine Maschinenpistole auf dem Schoss. Seine letzten Worte an sie waren: «Rachel, morgen du gehen London.» Am nächsten Tag in der Frühe stiegen sie aus dem Wagen und sahen einen Somalier auf sie zukommen. Der Mann trug Schutzweste und Baseballkappe und hielt einen britischen Pass in der Hand. Er sagte: «Ich bin Kadiye, ich bin gekommen, Sie nach Hause zu bringen.»

«Ich dachte, was macht dieser Kerl hier?», sagte Rachel. «Wir hatten keine Ahnung, wer das war.»

Doch dann umarmte er sie. «Das war schon ein ungewöhnlicher Moment, als dieser Somalier uns umarmte», erinnerte sich Rachel. «Ich dachte nur, der Typ meint es ernst, er muss ein guter Mensch sein. Diese Art Freundlichkeit, die man in einer Umarmung ja irgendwie spürt, hatten wir lange nicht erlebt.»

In diesem Moment wussten die Chandlers, dass sie frei waren. Kadiye erklärte ihnen, dass sie noch in Gefahr seien — andere Piraten oder Banditen konnten auftauchen, man müsse sich also beeilen. Sie erreichten Adado, wo Aden ihnen Tee, Toast und Spiegeleier servierte — «ein richtiges englisches Frühstück», wie er scherzte, und dann konnten sie mithilfe somalischer Offizieller nach Mogadischu fliegen und weiter nach Nairobi.

Nach ihrer Ankunft in London schliefen sie erst einmal lange, sehr lange. Paul half es, sich mit einfachen Dingen zu beschäftigen, die Luft in den Reifen prüfen oder bei seiner Bank eine neue EC-Karte besorgen. Zu seinem Kummer erfuhr er, dass sein 99-jähriger Vater in der Zwischenzeit gestorben war. Er musste sich also nicht nur um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, sondern auch die des Vaters regeln.

Doch es gab auch eine schöne Nachricht, die ihnen Kraft gab: Die Lynn Rival war nicht einfach irgendwo im Indischen Ozean verschwunden, sondern von der britischen Kriegsmarine entdeckt und nach England gebracht worden. Das Boot liegt nun unweit von Dartmouth, einer kleinen beschaulichen Stadt in Devonshire an der südenglischen Küste, dem genauen Gegenteil von Somalia.

JEFFREY GETTLEMAN ist Ostafrika-Korrespondent der «New York Times».
(c) New York Times Magazine

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Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

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